Forschung

Auszug aus dem aktualisierten Anerkennungsantrag an den WBP (2015):

 

Forschungs-Situation:

Im Gestalttherapeutischen Anerkennungs-Erstantrag 2010 (der noch nach dem Methodenpapier 2.7 kategorisiert war) reichten wir für Erwachsene 76 qualifizierte Arbeiten ein, davon waren 50 kontrollierte Studien und von diesen 28 RCTs (Studien mit zufalls-zugeordneten Kontrollen). Bei den restlichen handelte es sich um zumeist umfangreiche Feldstudien. Mit mehr als drei RCTs abgedeckte Diagnose-Cluster waren: 1) Affektive Störungen, 2) Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, 3) Anpassungs- und Belastungsstörungen.

Im Kinder- und Jugendlichen-Bereich konnten wir (Stand 2010) 29 Studien aufführen (davon waren aber nur 23 abgeschlossen) bei 9 (3 RCTs) kontrollierten Studien, die sich auf folgende Cluster verteilten:   1) Affektive Störungen F 3 (incl. F 94.1 F 53) – 2 (2 RCTs), – 2) Angststörungen (F 40 – F 42; F 93 u. F 94.0) – 1 (0), 3) Hyperkinetische Störung (F90) u. Störung des Sozialverhaltens (F 91; F94.2 – F 94.9)- 6 (1).

Studienanforderung des WBPs: nach den bisherigen Kriterien des WBP (Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie) sind mindestens drei RCTs (aus drei unabhängigen Forscherteams) in drei Diagnose-Cluster die Voraussetzung für die Anerkennung als „Wissenschaftlich anerkanntes Verfahren“. – Seit dem Methodenpapier 2.8 können auch qualifizierte Einzelfall-Studien berücksichtigt werden.

Wissenschaftliche Anmerkung zur RCT-Bewertung: Der Unterschied zwischen der Aussagekraft von normal „kontrollierten Studien“ und RCTs (randomized controllized trials) ist in den letzten Jahren extrem überschätzt worden. In Lamberts „Bergin and Garfield´s Handbook for Psychotherapy and Behavior Change“, 2013, Wiley, New York, (S. 499, 501), wurden Vergleiche an großem Material errechnet: der Effektstärken-Unterschied ist – entgegen der Annahme des WBPs (Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie in Deutschland) – vernachlässigbar, ist also statistisch nicht gesichert und nicht verwertbar. Wir erlauben uns daher, die kontrollierten Studien mit den RCTs zu summieren.

Neuere Forschungsergebnisse für die Gestalttherapie:

Im Zeitraum ab Mitte 2010 bis Anfang 2015 sind sowohl Metaanalysen und Übersichtsarbeiten wie einige kontrollierte, gestalttherapeutische Studien und RCTs hinzugekommen. Sie sind 1) in der alten Aufstellung, die chronologisch und nach Diagnose-Clustern aufgeführt ist, hinzugefügt worden, 2) sie finden sich im Literaturverzeichnis und 3) als Original im Anhang vor. (Voraussichtlich wird es noch Nachmeldungen geben, vor allem im Kinder- und Jugendlichen-Bereich.)

Mit den hinzugekommenen Arbeiten verteilen sich die Wirknachweise auf den aktuellen Diagnosen-Cluster-Spiegel wie folgt:

(1. Zahl: eingereichte Studien insgesamt,  – 2. Zahl: kontrollierte Studien + RCTs + vereinzelt Einzelfallstudien, – 3. Zahl in Klammern: RCTs.)

Erwachsenen-Bereich:

1) Affektive Störungen                              14 / 12 (8)

2) Angst- u. Zwangsstörungen                    7/     7 (3)

3) Somatoforme Störungen                       11/     7 (3)

4) Abhängigkeits-Erkrankungen                 4/     1 (0)

5) Persönlichkeits-u. Verhaltensstörungen 13/ 10 (2)

6) Anpassungs- u. Belastungsstörungen                25 /17(11)

7) Eßstörungen                                               3 /   2 (0)

9) Sexuelle Funktionsstörungen                    1 /   1 (1)

11) Schizophrene Störungen                         2 /   2 (2)

Summe Erw.:    80/ 46 (22)

Kinder- und Jugendlichen-Bereich

1) Affektive Störungen                                      9 /    4   (3)

2) Angst-Störungen*                                                      7 /    4   (1)

14)        Hyperkinet. St.+Verhaltensauffälligk.              12/    7   (3)

Summe Ki+Ju:      28/   15  (7)

 

Eingereichte Arbeiten: Erwachsene              80 / 46 (22)

Ki + Ju*                        28 /  15 (  7)

Übersichten/Meta-A.     5 /    4  (  3)

Summe insgesamt       113/65 (32)

                                   *Davon sind 2 Studien (Ib, IIb) noch nicht abgeschlossen

 

Übersichtarbeiten/ Metaanalysen

 

1a) Strümpfel U (2006/ 2. aktualisierte Auflage 2015 in press): Therapie der Gefühle. Forschungsbefunde zur Gestalttherapie. EHP – Edition Humanistische Psychologie, Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach.

Evidenzstufe Ia (+ IIa) Übersichtsarbeit in Buchform

1b) Strümpfel U (2012): Forschungsstand der Gestalttherapie. In: Hartmann-Kottek, L „Gestalttherapie. Lehrbuch.“- Springer, Heidelberg

2) Angus L, Watson J.C, , Elliott R, Schneider K, Timulak L (2014): Humanistic psychotherapy research 1990 – 2015: From methological innovation to evidence-supported treatment outcomes and beyond. Psychotherapy Research.  DOI:10.1080/10503307.2014.989290

Evidenzstufe I a und II a (Übersichtsarbeit)

3) Elliott R, Greenberg, L.S., Watson, J.C., Timulak, L. & Freire, E. (2013). Research on humanistic-experiential psychotherapies. Chapt. 13. In: Lambert M: Bergin & Garfield‘s Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. John Wiley & Sons, New York,  495-538.        Evidenzstufe Ia (+II a)

 

4) Praxisstudie Ambulante Psychotherapie –Schweiz (PAP-S) (6-jährige Studie)

Evidenzstufe II b (prospektive Feldstudie)

Tschuschke V, Crameri A, Koemeda M, Schulthess P, von Wyl A, Weber R (2009): Psychotherapieforschung – Grundlegende Überlegungen und erste Ergebnisse der naturalistischen Psychotherapie-Studie ambulanter Behandlungen in der Schweiz (PAP-S). Psychotherapie Forum (2009) 17: 160- 176

Tschuschke V, Crameri A, Koehler M, Barglar J, Muth K, Staczan P, von Wyl A, Schulthess P, & Koemeda-Lutz M (2014): The role of therapists‘ treatment adherence, professional experience, therapeutic alliance, and clients‘ severity of psychological problems: Prediction of treatment outcome in eight different psychotherapy approaches. Preliminary results of a naturalistic study. Psychotherapy Research, in press

 

5) (2011) Stevens C, Stringfellow J, Wakelin K, Waring J: The UK Gestalt psychotherapy CORE research project: the findings. British Gestalt Journal 2011, Vol. 20. No.2,22-27

Retrospektive Feldstudie. 3-jähriges, klinisch gestütztes Forschungsprojekt im UK, das zeigt, dass Gestalt-Psychotherapeuten genauso so erfolgreich arbeiten wie die Kollegen anderer Psychotherapie-Varianten (z.B. Psychodynamiker, Verhaltens-therapeuten). CORE bedeutet: Clinical Outcomes in Routine Evaluation. Die CORE National Research Datenbank umfasste bereits 2011 über standardisiert erhobene Therapie-Berichte von über 50.000 Klienten. Gestalttherapeutisch Behandelte: N = 180 (Effektstärke von 1.12 ES). Meßzeiten: pre/post.

 

Wirksamkeiten

Auch wenn es Untersuchungen gibt, die herausfinden, dass Gestalttherapie (nur) mindestens so gut arbeitet wie die anderen gängigen Verfahren, VT und psychodynemische Verfahren inclusive, so gibt es weltweit keinen meta-analytischen Befund, der dafür spräche, dass sie schlechter als der Durchschnitt der Psychotherapieverfahren läge.

Im Gegenteil:

aktuelle Metaanalysen und Übersichtsarbeiten belegen, dass Gestalt-therapie (incl. EFT) effektstärkenmäßig sowohl den Spitzenplatz innerhalb der Humanistischen Verfahrensgruppe einnimmt – sowie gegenüber der psycho-dynamischen Gruppe und der Verhaltenstherapie (Gestalttherapie liegt 0.53 ES über der VT, die sich im Durchschnitt bei 0.93 ES platziert/ Elliott et al. 2013, Handbook etc, Wiley, NY, Kap. 13). Dabei beruhen obige katamnesen-stabilen (!) Ergebnisse auf Studien von meist nur 10 bis 40 Sitzungen.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse

Sobald eine Überprüfung das Ergebnis zur Streuung über die Diagnosen-Cluster insgesamt bestätigt hat, kann ausgesagt werden, dass von der Gestalttherapie mit mindestens drei von einander unabhängigen, kontrollierten Studien (der Evidenzstufe Ib und IIb zusammengenommen – das heißt unter Berücksichtigung der aktuellen, wissenschaftlichen Bewertung von RCTs), – folgende Diagnose-Gruppen (im Sinne des Methodenpapiers 2.8 des WBP) abgedeckt werden:

–       Affektive Störungen (F3 einschließlich F 94.1, F 53)

–       Angst- und Zwangsstörungen (F40 – 42; F 93 und F 94.0)

–       Somatoforme und dissoziative Störungen (F 44 – 48)

–       Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F 6)

–       Anpassungs- und Belastungsstörungen (F 43)

 

–       Affektive Störungen (Kinder-u. Jugendliche) (F3; incl. F94.1; F53)

–       Angststörungen bei Ki+Ju. (F 40-F42; F 93 u. F 94.0)

–       Stör. d. Sozialverhaltens/Hyperkinet.St. b. Ki+Ju (F 91; F 94.2 – F 94.9)

Falls weiterhin nur RCTs zur Anerkennung gelten gelassen werden sollen, dann werden immerhin noch vier Diagnose-Cluster im Erwachsenen-Bereich abgedeckt. Dann erbitten wir für den Kinder- u. Jugendlichen-Bereich eine adäquate Nachmeldefrist. (Unseres Wissens hat sich bislang die Psychoanalyse seit dem PTG-Beginn 1998 eine unbegrenzte Nachmeldezeit ohne Einbuße der gleichzeitigen Therapieerlaubnis einräumen lassen.)